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Tiefenpsychologische Turbulenzen

Wie verläuft eine erfolgreiche Verarbeitung von negativen Erlebnissen? Können wir mit einem Trauma überhaupt endgültig abschließen, zumindest lernen, damit irgendwann gesund umzugehen? Ein entscheidender Faktor ist zweifellos Zeit, mit der wir einen vernünftigeren und damit schützenden Abstand zu einem für uns seelisch belastenden Ereignis herstellen können. Wir wissen aber erfahrungsgemäß, dass Zeit im ungünstigen Fall sich wie eine Ewigkeit anfühlen kann. In solchen Momenten wird man ganz unverhofft mit einem Gefühl konfrontiert, als wäre die Zeit stehengeblieben: Wir haben das Gefühl eines endlosen Schmerzzustandes. Aus diesem Grund versuchen wir seelisch belastende Erlebnisse zunächst so gut es geht zu verdrängen.
Was wir neben der Zeitkomponente also dringend benötigen ist ein Zugang zu neuen Denkmustern. Dies gelingt uns jedoch nicht mit einem Fingerschnippen, sondern erfordert nicht selten einen längeren Entwicklungszeitraum. Da uns dieser Zugang in der Frühphase der Traumaverarbeitung zumeist fehlt, gelingt uns eine erfolgreiche Vergangenheitsbewältigung wenn überhaupt Jahre oder Jahrzehnte später. Verdrängung wirkt insbesondere im Anfangsstadium der seelischen Verarbeitung als Selbstschutzmechanismus sehr effizient, um die Kontrolle nicht vollkommen zu verlieren. Wir dürfen allerdings nicht auf endgültige Vergessenheit spekulieren, denn das Unterbewusstsein vergisst nicht, egal, wie tief man das Erlebte begraben will. Im Gegenteil: Jedes ins Unterbewusstsein verbannte Trauma übt einen umso stärkeren Einfluss auf unsere Gesamtpersönlichkeit aus.
Oftmals gewinnen wir erst mithilfe von neuen Erkenntnissen, die mit neuen Erfahrungen einhergehen, ein viel weiträumigeres Blickfeld, welches neue Denkprozesse in Gang setzen kann. Im Idealfall vollziehen wir einen psychologischen Quantensprung, in dem wir  das Trauma sezieren und in seine Einzelteile zerlegen, wodurch das Erlebte in all seiner Nacktheit vor uns liegt und seiner Bedrohlichkeit beraubt wird. Dabei zerlegen wir vor allem auch uns selbst.
Nicht zuletzt mit der Fähigkeit zur gesunden Selbsthinterfragung ergeben sich so ganz neue Möglichkeiten der persönlichen Selbstentfaltung. Der Rahmen unserer Wahrnehmung vergrößert sich stetig. Dinge, die man früher gerne tat, können irgendwann an Bedeutung verlieren oder umgekehrt. Mit der Zeit beginnen unsere Prioritäten sich zu verschieben. Bestimmte individuelle Verhaltensmuster und Vorlieben bleiben gewiß ein Leben lang bestehen. Wir formen uns allerdings unbemerkt mit jeder Sekunde und ein Endstadium gibt es nicht, sollte es zumindest nicht geben. Sonst verstarren wir, stagnieren und werden schlimmstenfalls zu verbitterten Menschen. Unser Blick auf das Leben ist nie der gleiche wie vor 10 oder 5 Jahren, hin und wieder nicht einmal wie vor einer Minute. Wir durchleben Entwicklungsprozesse, die sich überwiegend schleichend und unbemerkt abspielen.
Die Art der Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit und insbesondere mit uns selbst macht uns erst zu dem Menschen, der wir sind und zu dem wir noch werden. Persönliche Tragödien, Misserfolge oder Rückschläge bergen eine Energie, die das Potential besitzt, uns bis an den Rand des seelischen Abgrundes zu ziehen. Im Zentrum dieser tiefenpsychologischen Turbulenzen wartet immer etwas Verschlossenes, das auf den passenden Schlüssel wartet, um geöffnet zu werden. Erst so können wir  die Dunkelheit mit Licht fluten.
24.1.18 12:35


Sinnzusammenhang

Wo Wissenschaft bei der Klärung der Frage, was vor dem Urknall war, keinen empirischen Zugang findet, kommt Religion ins Spiel, die eine göttliche Urkraft postuliert.
Religionen sind zweifellos Überbleibsel aus einer Zeit, wo märchenhafte Erzählungen Hochkonjunktur hatten.
Wenn wir also nach einem Gott suchen, dann finden wir ihn ganz sicher nicht in vermeintlichen "heiligen Schriften". Wenn es so etwas wie eine göttliche Überkraft gibt und wir sie verstehen wollen, müssen wir in gänzlich anderen Kategorien denken, zu denen wir womöglich als Spezies Mensch (noch) nicht imstande sind, wahrscheinlich nie imstande sein werden. Womöglich gibt es gar keinen Gott. Womöglich hat sich das Universum quantenphysikalisch
aus für uns nachwievor unerklärlichen Gründen "selbst" in seine Existenz geworfen, ohne Grund, ohne Sinnzusammenhang. Es passierte, weil es passieren musste. Die Gesetze der Physik richten sich nicht nach Kategorien wie "Sinn" oder "Unsinn". Sie sind einfach da, eingebettet in eine immanente Ordnung; und wir als "denkende Geschöpfe" sind bloß eine (notwendige?) Konsequenz in der Kosmologie.
Greifen wir nach religiösen Prinzipien, weil wir die Antworten auf so viele Fragen nicht kennen, um nicht den Vertstand zu verlieren? Welchen Stellenwert als Mensch besitzen wir angesichts der unendlichen Weite des Weltalls? Welche universellen Verantwortungen müssen wir übernehmen, um als Spezies irgendwann nicht uns selbst auszurotten?
Die Evolutionstheorie ist eine naturwissenschaftliche Erklärung unseres menschlichen Daseins, aber keine kosmologische, das ist klar. Was ist, wenn selbst das Universum Evolutionsstufen durchlebt? Dass vor unserem Universum nicht bereits ein anderes existiert hat, bestehend aus ganz anderen oder zumindest uns unbekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten?
Religionen geben darauf keine Antworten, sie sind allenfalls eine Art Beruhigungspillen: "Hey, das alles hier, unsere ganze Existenz, das Universum, die Unendlichkeit, das war alles Gott, also chill mal und lebe ein frommes Leben, dann wird alles gut und am Ende ist das Paradies." Wenn ich an eine Religion glauben will, dann sicher nicht an eine, die belehrend ist, Alltagsanweisungen gibt, Pflichten aufbürdet.
Die Verletzlichkeit von Religionen macht sich insbesondere am folgenden Satz erkennbar: Wenn Religionen beweisbar wären, wären sie Wissenschaft.

 

22.11.17 22:56


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